#13 Die (großen und kleinen) Rätsel der Liturgie des Stundengebets am Münchner Hof (1)

(Stefan Gasch / Jonas Pfohl)

Grundprobleme

Wie Sie als Leser unseres Blogs wissen, werden im derzeitigen Editionsmodul die Proprienvertonungen Senfls neu ediert. Die mehr als 260 Einzelsätze von Proprienvertonungen sind nur in einer kleinen Anzahl von Quellen (hauptsächlich Handschriften) enthalten, da die meisten von ihnen erst nach Senfls Tod (1543) ihren Weg in Quellen fernab von München fanden. Die Editionsarbeit unterscheidet sich erheblich von den vorherigen Gattungen, denn die Motetten und Magnificat-Vertonungen sind in einer breiten Vielfalt von Handschriften, Drucken, Theoriebüchern, oder gar gestickten Stimmbüchern überliefert. 

Die Arbeit an den Proprien bringt nicht nur eine intensive Auseinandersetzung mit den Werken mit sich, sondern auch eine eingehende Beschäftigung mit der Liturgie am Münchner Hof, die offiziell der Diözese Freising zu folgen hatte. Dabei stellt es nicht nur ein Problem dar, dass keinerlei musikalische Quellen dieser Diözesanliturgie für einen Abgleich vorhanden sind. Schon in Band 6 (Temporale) und noch stärker in der Beschäftigung mit den Kompositionen von Band 7 (SanctoraleCommune Sanctorum) stellten sich Fragen nach der Verwendung, denn mehrere der von Senfl vertonten Proprientexte passen nicht zu den liturgischen Bedürfnissen des Bistums Freising. Zum Beispiel scheinen die Vertonungen der Alleluia-Verse Non vos me elegistisLaetamini in DominoTe martyrum candidatus und der Sequenzen Spe mercedisHic sanctus cuius hodie, und Agone triumphali militum auf eine Herkunft außerhalb Münchens hinzuweisen, da diese Texte in den Bistümern Augsburg und Passau, aber eben nicht in Freising verwendet wurden. Sie scheinen daher entweder eine spezifische Liturgie für den Hof zu repräsentieren oder möglicherweise gar nicht für den Gottesdienst in der Münchner Hofkapelle komponiert worden zu sein. – Oder aber sie stellen einen Repertoirebestand dar, der – einmal vorhanden – schlichtweg einfach verwendet wurde. Darüber hinaus zeigen diese Vertonungen aus dem Pool für die Heiligenfeste einen anderen Ansatz in der Cantus-firmus-Behandlung: Ähnlich wie die Vertonungen für die Sonntage nach Pfingsten werden die einstimmigen Intonationen in allen Introitus und Communiones für die Commune Sanctorum nicht mehr einstimmig gesungen, sondern in den mehrstimmigen Satz eingearbeitet. Auffällig ist auch, dass die Choralmelodien nicht mehr in langen Notenwerten behandelt, sondern paraphrasiert und als wandernde Cantus firmi durchgehend präsentiert werden. Senfl distanziert sich somit von der auch bei Heinrich Isaac zu beobachtenden Tradition, Proprienvertonungen zu komponieren, zugunsten eines freieren und flexibleren Gebrauchs des Cantus prius factus, was wiederum zur Integration des Chorals in eine umfassende imitatorische Textur führt.

Verfügten die Zyklen für das Temporale, das Sanctorale, und die Commune Sanctorum über einen klaren Aufbau, der Vertonungen für den Introitus, das Alleluia bzw. den Tractus, der Sequenz der Communio beinhaltete, bietet Band 8, der erstmals Editionen für die mehrstimmigen Sätze der Stundenliturgie am Münchner Hof bereithalten wird, völlig andere Probleme: Die Grundproblematik des Fehlens jeglicher Melodiequellen und die damit einhergehende – nicht immer einfache – Rekonstruktion der Einbettung dieser Proprien in die Liturgie bleibt auch hier natürlich bestehen. Rein kompositorisch lassen sich die durchkomponierten (und z.T. sehr ausufernden) Responsorienvertonungen in Mitteldeutschland, die das Aussehen einer dreiteiligen Motette haben, von den vor allem in München überlieferten Proprien unterscheiden. Diese weisen nämlich eine deutlich kürzere (und für die Liturgie pragmatischere?) Herangehensweise in der mehrstimmigen Umsetzung auf.

Ein drittes Problemfeld, das erklärt, warum diese Kompositionen sowohl in analytischer als auch in liturgisch-kontextueller Hinsicht bislang völlig vernachlässigt wurden, ist die Formenvielfalt der liturgischen Gattungen, die sich auch in den mehrstimmigen Versionen widerspiegelt. Hier finden sich mehrstimmig ausgesetzte Magnificat-Antiphonen, Hymnen, Benedicamus Domino-Sätze, Versikel und Psalmtöne, aber auch Responsorien breve und eine große Anzahl „herkömmlicher“ Responsorien – allesamt Sätze, deren liturgische Einordnung erst anhand der Textquellen eruiert werden musste, ganz zu schweigen ob und in welchem Umfang die Orgel im Rahmen einer Alternatim-Aufführung zum Einsatz kam. Die Problematik sei anhand einiger Einzelaspekte veranschaulicht.

Responsorien

Responsorien bestehen aus zwei Teilen, dem Responsum und dem Vers. Das Responsum zerfällt zudem in zwei Abschnitte: Während es für den ersten dieser Abschnitte keine eingeführte Bezeichnung gibt. wird der zweite Abschnitt häufig mit Repetenda (oder Repetitio) benannt. In manchen Fällen wird dem Responsorium eine Doxologie hinzugefügt, meist in der verkürzten Form Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto. Nach dem Vers sowie nach der Doxologie wird üblicherweise die Repetenda wiederholt. Responsorien werden meist solistisch bzw. von der gesamten Schola im Wechsel gesungen (Hiley 1993: 69–74; siehe auch die Tabelle unten).

In den aus den Beständen der bayerischen Hofkapelle stammenden Chorbüchern D-Mbs Mus.ms. 19 und D-Mbs Mus.ms. 52 sind mehrstimmige Sätze Senfls des Verses und der Repetenda von zahlreichen Responsorien enthalten, die nahezu perfekt den Vorgaben des Freisinger Breviers entsprechen. In allen Fällen ist der Vers vor der Repetenda notiert. Häufig wurde dem mehrstimmigen Satz des Verses zusätzlich (teilweise nachträglich) der Text der Doxologie unterlegt. Die fehlenden Teile des Responsoriums dürften einstimmig – möglicherweise auch von der Orgel – ergänzt worden sein (siehe hierzu Pfisterer 2025; Franz Körndle [Körndle 1998: 128 f.] erkennt in den unterschiedlichen Responsorien Mus.ms. 52 hingegen eine sukzessive Entwicklung hin zu einer motettischen Anlage, in der sämtliche Teile des Responsoriums mehrstimmig komponiert sind – eine Annahme, die aus heutiger Sicht nicht zu bestätigen ist). Die Reihenfolge der mehrstimmigen Sätze in den Chorbüchern (Repetenda stets nach Vers) lässt darauf schließen, dass zunächst das gesamte Responsum einstimmig gesungen wurde und die mehrstimmige Repetenda erst nach dem Vers erklang. Die Anordnung lässt jedoch keinen Rückschluss darauf zu, ob die mehrstimmige Repetenda nur nach dem Vers oder nur nach der Doxologie oder nach beiden Abschnitten verwendet wurde. Nur eine von Senfls Kompositionen bietet einen Hinweis auf die damalige Aufführungspraxis: Im Falle von Videte miraculum mater (SC P 101a) für die erste Vesper am Fest Mariae Reinigung (Purificatio Mariae) ist ausnahmsweise eine eigenständige Komposition der Doxologie erhalten. Sie ist im Chorbuch 52 direkt nach dem Vers und noch vor der Repetenda notiert. Dies lässt vermuten, dass zumindest in diesem Fall die Repetenda nach dem Vers nochmals einstimmig und erst nach der Doxologie mehrstimmig gesungen wurde. Sollte dies der übliche Ablauf gewesen sein, ergäbe sich für fast alle der in den Münchner Chorbüchern überlieferten Responsorien folgendes Szenario:

Abschnitt des ResponsoriumsStandardMünchen
Erster Teil des ResponsumsChor (Intonation Solo)einstimmig/Orgel
Repetenda
(= zweiter Teil des Responsums)
VersSolomehrstimmig
RepetendaChoreinstimmig/Orgel
(ggf.) DoxologieSolomehrstimmig
(ggf.) RepetendaChormehrstimmig

Natürlich finden sich in den genannten Chorbüchern auch einige Sonderfälle, die Abweichungen von diesem modellhaften Ablauf bedingen und deren Gestaltung womöglich mit dem jeweiligen Festrang zu sehen ist: Im Falle von Judea et Jerusalem (SC P 69f) für die Vigil zum Weihnachtsfest geht den Einträgen von Vers (mit unterlegter Doxologie) und Repetenda ein mehrstimmiger Satz des ersten Teils des Responsums voraus. Folglich wurde auch der Beginn des Responsoriums mehrstimmig gesungen. Einige Responsorien sind ohne mehrstimmige Doxologie überliefert (SC P 95a, SC P 59a, SC P 105f, SC P 107a, SC P 108, SC P 76a, SC P 103a). Möglicherweise wurde hier der Text aus dem Stehgreif der Musik des Verses unterlegt, eine einstimmige Doxologie ergänzt oder das jeweilige Responsorium ohne Doxologie gesungen. Und von drei Weihnachtsresponsorien ist keine mehrstimmige Repetenda überliefert (SC P 70b–d). Die ersten beiden davon (SC P 70b–c) dürften mit einer einstimmigen Repetenda nach der Doxologie abgeschlossen worden sein.Das dritte, Descendit de caelis (SC P 70d), birgt wiederum einige Besonderheiten: Statt der verkürzten Doxologie ist im Münchner Chorbuch dem mehrstimmigen Satz des Verses zusätzlich ein längeres Gloria pie trinitate unterlegt (Abb. 1). 

Abb. 1: D-Mbs Mus.ms. 52, fol. 154v–155r (https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00079129?page=316,317).

Es folgen unter der Überschrift Tropus sechs kurze mehrstimmige Abschnitte (SC P 70e) und erst nach diesen ein ebenfalls kurzes, als „Repeticio“ überschriebenes, mehrstimmiges Fabrice mundi (SC P 70f). Der entsprechende Eintrag im Breviarium Frisingense lässt erkennen, wie diese Abschnitte in den liturgischen Ablauf der Diözese Freising passen (Abb. 2).

Abb. 2: Breviarium Frisingense (Venedig: Johannes Oswalt 1516), Pars hyemalis, fol. 93v (D-Mbs Res/Liturg. 124-1: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10922492?page=218).

Die frei formulierte Doxologie Gloria pie trinitate ist im liturgischen Buch als zweiter Vers gekennzeichnet, auf den die Repetenda Et exivit per auream portam folgt. Diese letzte Wiederholung der Repetenda ist tropiert mit den im liturgischen Buch als Prosabezeichneten Zeilen. Nach diesem Tropus wird die Repetenda mit ihrem Schluss Fabricae mundi wieder aufgenommen. Der Eintrag im Breviarium Frisingense sowie die Abfolge der Sätze im Münchner Chorbuch lassen in diesem speziellen Fall folgenden Ablauf vermuten:

Abschnitt des ResponsoriumsAusführung
Erster Teil des Responsumseinstimmig/Orgel
Repetenda
(= zweiter Teil des Responsums)
Versmehrstimmig
Repetendaeinstimmig/Orgel
Doxologiemehrstimmig
Repetenda (evtl. nur bis universae)einstimmig/Orgel
Tropusmehrstimmig
Schluss der Repetenda (Fabricae mundi)mehrstimmig

Fortsetzung folgt …

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