(Matthias Guschelbauer / August Valentin Rabe)
Kleinere liturgische Sätze
Gerade die Vielfalt an kleineren liturgischen Gattungen macht das Arbeiten an den Kompositionen für NSE 8 gleichermaßen spannend und herausfordernd. Regeln lassen sich nicht einheitlich aufstellen und immer wieder stößt man auf Ausnahmen und Sonderformen. Eine dieser Sonderformen sind die Preces ad completorium (SC P 82c), Gebete, die in der Komplet (vor der Nachtruhe) an den Sonntagen der Fastenzeit gebetet wurden. Sie sind in Chorbuch 52 auf der gegenüberliegenden Seite eines kurzen vierstimmigen Kyrie-Rufs durch Textincipits in schwarzer und roter Tinte angezeigt (Abb. 1).
Der Kyrie-Ruf an sich ist leicht zu edieren, seine liturgische Kontextualisierung macht jedoch eine Identifikation der angegebenen Gebetstexte erforderlich. Der entsprechende Abschnitt im Winterteil des Breviarium Frisingense von 1516, fol. 147v, kann hierfür erste Anhaltspunkte bieten (Abb. 2).
Dort folgen auf den Kyrie-Ruf das Pater noster, der Versikel In pace in idipsum, das Credo sowie das Gebet Benedicamus Patrem. Üblicherweise werden Pater noster und das apostolische Glaubensbekenntnis bis auf den jeweiligen Schluss – und auf diesen verweisen die Incipits Et ne nos (erste rote Zeile) und Carnis resurrectiónem (dritte rote Zeile) im Chorbuch 52 – still gebetet (Hiley 1993: 30). Der vollständige Text des Gebets Benedicamus Patrem ist ebenfalls im genannten Brevier enthalten (fol. 63r) und es zeigt sich, dass sich fast alle folgenden im Chorbuch 52 angegebenen Incipits auf einzelne Verse dieses Gebets beziehen (Abb. 3). Nur das letzte rote Incipit weist auf einen dem Gebet folgenden Versikel hin.
Unklar ist, warum Incipits jeder einzelnen Gebetszeile in Chorbuch 52 im Wechsel von roter und schwarzer Tinte notiert wurden. Möglicherweise wurde im Wechsel zweier Chorgruppen oder zwischen einer einzelnen Person (Zelebrant) und den übrigen Personen gebetet. Bei der Edition anderer kurzer liturgischer Sätze ist weniger ihre liturgische Kontextualisierung herausfordernd als ihre musikalische Notation. Chorbuch 52 wird mit einigen kurzen polyphonen Sätzen eröffnet, die bei zahlreichen liturgischen Gelegenheiten Anwendung finden konnten. Dazu gehören die Toni psalmorum (SC P 121–123), der Versiculus in principio horarum (SC P 120) und die Melodia versiculorum (SC P 124). Dabei handelt es sich um melodische Modelle – polyphone Gerüstsätze –, die je nach Anwendungsfall unterschiedlich textiert und transponiert werden konnten. Diesem Modellcharakter entspricht auch die Notation: Zwar ist das Notenbild klar an die Konventionen der Mensuralnotation angelehnt – mit rhythmisch differenzierten Zeichen und den für Chorbücher typischen Textfeldern jeder einzelnen Stimme. Statt konkreter Notenwerte finden sich aber über weite Strecken in die Länge gezogene und mitunter schwarz eingefärbte Longen (Abb. 4).
Ergänzt werden die Notenwerte durch weitere Zeichen (hier signa congruentiae und Fermaten). Ein Abgleich mit zeitgenössischen Liturgica und Lehrschriften verdeutlicht, dass die Zeichen Anfang oder Ende von Textphrasen bzw. gemeinsame Tonwechsel anzeigen. Im Nachvollzug mit einem beliebigen Psalmtext stellten wir fest, dass die Notation, so wie sie ist, eigentlich nichts zu wünschen übriglässt. Deshalb haben wir uns entschieden, die gegebene Notation Faksimile-artig nachzubilden (Abb. 5).
