#12 Wird ein Fronleichnamsproprium zur Abendmahlsmotette? Ein neu entzifferter Text zeigt Rezeptionswege von SC P 23.

Wenn wir die Kritischen Berichte für unsere Ausgabe schreiben, ist eine wichtige Aufgabe, die oft zahlreichen Quellen-Verflechtungen zu entwirren und darzustellen, auf welchen Wegen die Stücke überliefert wurden. Oft ist es ein mühsames Klein-Klein – eine Jonglage mit den umfangreichen Tabellen, in denen wir sämtliche Varianten und Abweichungen aller Quellen zueinander dokumentieren. Immer wieder stoßen wir aber auch auf spannende Geschichten und Forschungsrätsel, wie beim Fronleichnamsproprium mit der Senfl-Katalog Nr. P 23 (Dominica Prima post Octavas Corporis Christi).

Das Stück ist in zwei Quellen überliefert. Einmal vollständig – also mit vier Stimmen und den Abschnitten Introitus, Alleluia und Communio – im Münchner Chorbuch 25 (D-Mbs Mus.ms. 25), und einmal unvollständig – zwar mit allen Sätzen, aber nur als einzelne Tenor-Stimme – in dem fragmentarisch erhaltenen Bartfelder Stimmbuch 22 (siehe Abb. 1).

Abb. 1: H-Bn Ms. mus. Bártfa 22, no. 174, fol. 99v–100r (zu sehen sind der Introitus, das Alleluia und der Beginn der Communio).

Unter den Text, der dem liturgischen Gebrauch des Missale Frisingense (1520) und damit der Liturgie für den herzoglichen Hof in München entspricht, hat der Schreiber im Bartfelder Stimmbuch einen zweiten Text notiert, der sich fortlaufend über alle drei Abschnitte des Propriums erstreckt. Im Zuge der Editionsarbeit konnten wir diesen Text nun erstmals entziffern und identifizieren: Es handelt sich um eine Paraphrase des „Gleichnis’ vom großen Gastmahl“ (Lukas 14, 16–24).

In der Bibelstelle erzählt Jesus, wie ein Mensch ein großes Gastmahl gibt und die Gäste durch seine Sklaven rufen lässt. Statt zu dem Essen zu erscheinen, lassen sich die Eingeladenen aber unter diversen Vorwänden entschuldigen und möchten nicht kommen. Daraufhin schickt der Gastgeber seine Sklaven erneut aus, um beliebige Personen – unabhängig von ihrem sozialen Status – zum Gastmahl zu bitten. Jesus resümiert abschließend, dass keiner der zunächst eingeladenen Männer für das Mahl mit ihm würdig sei.

Eine solche zusätzliche Textierung, die eine Alternative zum ersten Text anzubieten scheint, ist ungewöhnlich, denn damit wird aus dem Introitus etwas Neues – vielleicht eine Art Motette, die eine durchgehende Geschichte erzählt. Vielleicht werden die drei Teile dann auch eher an einem Stück gesungen – allerdings nicht mehr an dem liturgischen Ort und in der liturgischen Funktion, für die Senfl sie einmal komponierte. Es gibt Indizien, dass das Proprium in einem protestantischen Kontext, vielleicht beim Abendmahl, musiziert wurde, denn die Gastmahls-Thematik ist freilich ein Topos der protestantischen Theologie. Martin Luther machte genau die vom Schreiber unterlegte Textstelle zum Gegenstand einer seiner Predigten und veröffentlichte sie 1523 im Druck (Abb. 2).

Abb. 2: Martin Luther: „Eyn Sermon Doctoris Martini Lutters auff das Evangelion Luce. xiiij. Ein mensch macht ein groß abentessen“, (Jobst Gutknecht: Wittenberg 1523), Titelblatt und erste Seite des Exemplars D-Bs Luth. 3626.

Luther betont den Bezug der Textstelle Lukas 14, 16 zum protestantischen Abendmahl und verurteilt die Zuordnung zum Tag des „heyligen leichnams“, „wie es unnser Papisten mit den haren haben hyn zogen“ (Abb. 2). Auf einen protestantischen Kontext deuten auch neuere Forschungserkenntnisse, die den Schreiber als Wolfgang Schleifer identifizieren (Gasch 2013b, S. 488).  Schleifer war um 1547, als das Manuskript geschrieben wurde, Diakon in Penig in Mittelsachsen (Hermann 2022, S. 58–78). Irgendwann nach 1547 kam das Manuskript möglicherweise über die Messestadt Leipzig (Hermann 2022, S. 78) in das Städtchen Bartfeld, das heutige Bardejov in der Slowakei liegt. Bartfeld war ab 1549 protestantisch und unterhielt auf mehreren Wegen Kontakte nach Mitteldeutschland. 
Ob Schleifer den Text für seine eigene musikalische Praxis in Penig unterlegte, was genau mit dem Stück geschah, ob und an welchem liturgischen Ort es in einem protestantischen Gottesdienst erklang – die Identifizierung des zweiten Textes eröffnet viele neue Fragen und lässt mehrere Szenarien vorstellbar erscheinen. Auf jeden Fall gibt uns der Schreiber einen seltenen Einblick in das Eigenleben der Quellen und die vielfältige Rezeption der Stücke, die wir gerade edieren.

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