#15 Zu Besuch in Senfls Haus und ein Spaziergang durch seine Münchner Nachbarschaft

Es ist eher selten, dass wir dem Komponisten Ludwig Senfl auf einer alltäglichen, beinahe privaten Ebene begegnen können. Umso erfreulicher ist es, dass seine Person in mancher Hinsicht zugänglicher ist, als man zunächst vermuten würde – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Dank der Einträge im Münchner Häuserbuch kennen wir Senfls genaue Wohnadresse im Münchner Hackenviertel (Häuserbuch 3: 203). Laut Hans Joachim Moser besaß und bewohnte der Komponist ab 1529 ein Haus in der Hofstatt Nr. 6 mit einem dazugehörigen Garten, der zum sogenannten „Hottergässchen“ – der heutigen Hotterstraße – hin ausgerichtet war (Moser 1935: 186). Moser bezog sich hierbei offenbar auf das Stadtmodell von Jakob Sandtner aus dem Jahr 1570/72, bei dem in der Hofstatt Nr. 6 ein Garten zu sehen ist. Im Häuserbuch hingegen finden sich keinerlei Informationen zu einem Garten und darüber hinaus scheint erst im Jahr 1532 der Eintrag „Sännfl Ludwig, fürstl. Komponist“ auf (Häuserbuch 3: 203). Zwei Zeichnungen Gustav Schneiders aus dem Jahr 1962 (Abbildungen 1 und 2) zeigen Rekonstruktionen des Häuserzugs auf Basis einer Zeichnung von Gustav Steinlein von 1910 (Abbildung 3), der sich wiederum an Sandtners Stadtmodell orientierte (Häuserbuch 1: XXIII). All diese Bilder vermitteln eine Vorstellung davon, wie das Haus der Familie Senfl ausgesehen haben könnte. Sie zeigen jedoch keine historische Realität, denn wir wissen weder, ob Sandtners Stadtmodel, auf dem alle späteren Abbildungen letztendlich basieren, grundsätzlich akkurat ist, noch ob das dort gezeigte Haus in der Hofstatt Nr. 6 überhaupt noch die Form wie zu Senfls Zeit besaß.

Abbildung 1: Haus der Familie Senfl, Sicht auf die Westseite der Hofstatt, Zeichnung von Gustav Schneider, Häuserbuch 3.
Abbildung 2: Haus der Familie Senfl, Sicht auf die Ostseite der Hotterstraße, Zeichnung von Gustav Schneider, Häuserbuch 3.

Senfl wohnte abseits vom herzoglichen Hof keineswegs isoliert, sondern in einem lebendigen musikalisch-humanistischen Umfeld. Zu seinen Nachbarn zählten mehrere Kollegen und Freunde aus dem Münchner Musikleben. So war der Violinist und Lautenist Gregorius Kraft, langjähriges Mitglied der Hofkapelle Wilhelms IV., am Färbergraben Nr. 5 wohnhaft. In unmittelbarer Nähe, im Eckhaus Färbergraben Nr. 31 / Hottergässchen Nr. 4 (heute Hotterstraße 2–4), lebte der Humanist, Lateinlehrer und Kleriker Simon Schaidenreisser, genannt Minervius (Häuserbuch 3: 119). Zwischen Senfl und Minervius bestand eine persönliche wie auch künstlerische Verbindung: Senfl vertonte eine Ode Minervius’, und vermutlich regte dieser ihn auch zur Komposition der Oden des Tritonius an, die 1534 unter dem Titel Varia carminum genera im Druck erschienen und mit einem Vorwort Minervius’ versehen sind. Wie eng die Freundschaft und die Zusammenarbeit der beiden gewesen sein müssen, belegt nicht zuletzt dieses Vorwort, in dem Minervius bemerkt, er lebe mit Senfl nahezu im selben Haushalt („domus prope eadem“, Varia carminum genera: fol. 5r). In der Neuhauser Straße Nr. 26 bewohnte die Familie des Posaunisten und Stadtpfeifers Sebastian Hurlacher ein Haus (Häuserbuch 3: 356). Der Sänger und Kopist Lucas Wagenrieder, Senfls langjähriger Weggefährte seit der gemeinsamen Zeit in der kaiserlichen Hofkapelle, hatte sich ebenfalls in der Nachbarschaft niedergelassen. Als Kleriker logierte er spätestens ab 1536 in einem der Kapitelhäuser des Kollegialstifts zu Unserer Lieben Frau in der Fingergasse (wahrscheinlich Haus Nr. 8 oder Nr. 16 in der heutigen Maffeistraße, Häuserbuch 2: 128 und 132), unweit der Frauenkirche (McDonald 2025: 217), wo Wagenrieder 1544 Chorherr wurde. Viele andere Sänger und Musiker der Hofkapelle hingegen waren in der Nähe der Residenz untergebracht.

Abbildung 3: Die Hofstatt von Gustav Steinlein in ders.: Die Baukunst Alt-Münchens, 1910. Senfls Haus und Garten sind links im Bild zu erkennen.

Die Familie Senfl wohnte rund 14 Jahre in dem Haus an der Hofstatt. Senfl war zum Zeitpunkt des Hauskaufs bereits seit zwei Jahren mit der Tochter des Passauer Bürgers Ambros Neunburger verheiratet (McDonald 2018: 19–21). Nach ihrem Tod heiratete der Komponist spätestens 1535 Maria Halbhyrn, mit der er mindestens eine Tochter hatte, die 1537 geboren wurde (Lodes/Miller 2005: 265). Wie viele Menschen in dem Haushalt verkehrten, wie viele Kinder die Senfls hatten und ob auch Schüler oder Personal hier wohnten, wissen wir nicht. Nach Ludwigs Tod im Jahr 1543 blieb seine Witwe nur kurze Zeit weiterhin in dem Haus, denn bereits 1544 ist ein gewisser Franz Neideckher als neuer Eigentümer verzeichnet (Häuserbuch 3: 203). Im Zuge ihrer Wiederverheiratung mit Arsacius Wagner – noch in Senfls Todesjahr (Lodes/Miller 2005: 265) – dürfte Maria also gemeinsam mit ihrer Tochter zu diesem gezogen sein. Im 19. Jahrhundert wohnte erneut ein Musiker in der Hofstatt Nr. 6. Das Häuserbuch dokumentiert einen gewissen Matthias Ress, einen Instrumenten-Saitenmacher, der 1857 Besitzer der Liegenschaft war (Häuserbuch 3: 203).

Wer heute in München auf den Spuren Ludwig Senfls wandeln möchte, kann dies erfreulich unkompliziert tun, denn viele der damaligen Straßenzüge und -namen haben sich bis heute erhalten. Sogar die Hofstatt, eine kleine Stichstraße im Schatten der gleichnamigen modernen Einkaufspassage Die Hofstatt, die 2013 eröffnet wurde, hat die Zeit überdauert. Anstelle von Senfls Haus finden sich hier jedoch mittlerweile mehrstöckige Wohnbauten (https://de.wikipedia.org/wiki/Hofstatt_(Einkaufspassage)).

Abbildung 4: Blick vom Färbergraben in die heutige Hofstatt, einst Senfls Münchner Wohnadresse, Screenshot von Google Maps.

Die hier skizzierten Nachbarschaften und Personennetzwerke lassen sich auch digital erkunden: Auf der vom Team der New Senfl Edition betreuten Website Senfl’s World kann man mithilfe eines Overlays, das das Sandtner’sche Stadtmodell Münchens um 1570 zeigt, in Senfls unmittelbare Umgebung eintauchen. So ist es möglich, sein soziales und musikalisches Umfeld räumlich nachzuvollziehen.

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