#11 Ludwig Senfl und das Glücksspiel

Mit Antoine-Elisée Cherbuliez’ Beitrag „Zur Kontroverse über die Herkunft von Ludwig Senfl“ (1932) fand der Zürcher Glückshafenrodel von 1504 erstmals in der musikwissenschaftlichen Forschung Erwähnung. Sie wies auf den Eintrag „Ludwig Sennfli von Zürich“ hin, der als früheste namentliche Nennung des Komponisten gilt. Seither findet der Glückshafenrodel in jedwedem biographischen Text zu Senfl Erwähnung. Eine konkrete Vorstellung des Rodels und von dessen Entstehungshintergrund wird dabei aber nicht vermittelt.

Der Rodel ist ein aus 31 Faszikeln bestehendes handschriftliches Verzeichnis, das heute im Staatsarchiv Zürich verwahrt wird. Er ist mit „Dis ist das register zum hafen, und ward gemacht und angefangen uff mittwoch nach dem sonntag Invocavit, anno domini Mo quingentesimo quarto“ betitelt (Hegi 1942: 1). Demnach diente er als Register der Teilnehmenden eines „hafens“, also eines Gewinnspiels, das oft auch als Glückshafen bezeichnet wird. Im Rodel sind Namen und Herkunft der etwa 24.000 Teilnehmenden des Gewinnspiels gelistet, das Teil des Rahmenprogramms eines zwischen dem 12. August und 16. September 1504 veranstalteten Züricher Freischießens war.

Schützenfeste erfreuten sich im deutschsprachigen Raum schon im 15. Jahrhundert einer großen Beliebtheit. Insbesondere in der Schweiz dürften sie nicht zuletzt der vormilitärischen Ausbildung gedient haben und unterstützten als Veranstaltung (mit teilweise weitgereisten Gästen) auch gesellschaftliche oder politische Verbindungen zu anderen Städten oder Regionen (Zehnder 1976: 233). Es wurden über 600 Einladungen gedruckt, mit denen unter anderem in Städten am Rhein, in den Niederlanden, in Schwaben oder in Tirol für die Veranstaltung geworben wurde. Auch wichtige Potentaten, wie der römische König oder die Herzöge von Württemberg und Bayern, wurden zur Veranstaltung eingeladen (Keller-Escher 1882: 220).

Der gedruckten Einladung sind nicht nur die Regeln für den Schießwettbewerb an sich zu entnehmen, sondern auch Informationen zu dessen Begleitprogramm. Mit einem Lauf-, einem Spring- und einem Steinwurfwettbewerb waren weitere Wettkämpfe in militärisch relevanten Disziplinen geplant. Außerdem sollte es „gwynnen us dem hafen geben“, also ein sogenannter Glückshafen veranstaltet werden. Dieses vermutlich aus Italien kommende Glücksspiel fand nördlich der Alpen meist im Rahmen größerer Schützenfeste statt. Glückshafen sind im deutschen Sprachraum in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts über ein Dutzend Mal dokumentiert (Rippmann 1990: 3f.). Sie waren nicht zuletzt zur Finanzierung des gesamten Schützenfestes wichtig. Der Rat der Stadt Zürich erzielte mit dem Glücksspiel im Jahr 1504 einen Nettogewinn von 461 Pfund und 7 Schilling (Keller-Escher 1882: 222). Der Glückshafen diente aber auch der Belustigung einer breiten Gästeschicht aus dem In- und Ausland. Ein Los war für einen vergleichsweise geringen Einsatz von einem Etschkreuzer (acht Heller) zu erwerben. Dies ermöglichte einem gewissen Jakob Wirz, seinen Einsatz ganze 61-mal zu leisten. Dem Glückshafenrodel zu Folge wurden schon ab dem „fritag vor reminiscere“, dem 1. März 1504 (Hegi 1942: 3), mehr als 40.000 Lose an die etwa 24.000 Teilnehmenden ausgegeben (Keller-Escher 1882: 222).

Ausgelobt waren bei dem Gewinnspiel laut dem genannten Einladungsschreiben 26 Geldpreise zwischen einem und 50 Gulden. Zudem gab es für die zuerst sowie die zuletzt gezogene Niete einen Trostpreis von einem Gulden. Interessierte konnten ihren Namen auf einen Zettel notieren und diesen in ein Gefäß einlegen lassen. Am Vorabend (13. September) des Festes der Kreuzerhöhung sollte dieses Gefäß geschlossen werden. Für den darauffolgenden Montag, den letzten Tag des Schützenfestes, war die eigentliche Verlosung geplant.

Dem Einladungsschreiben zu einem früheren Schützenfest in Zürich im Jahre 1472 sind Details zum damaligen Prozedere zu entnehmen: In einem zweiten Gefäß wurde eine entsprechende Anzahl leerer Zettel gesammelt. Vor der Verlosung wurden einige davon herausgenommen, auf diesen die ausgelobten Preise notiert und anschließend wieder unter die leeren Zettel gemischt. Die Ziehung an sich wird wie folgt beschrieben:
„Ein junger unarg weniger knab ungefahrlich by sechtzehen Jaren der wirt mit sinen handen in beid häfen griffen und uß yettwederem hafen Ein zedel nemen und den namen Zedel lassen lesen und mit welichem namen zedel ein zedel kumpt da ein abentur angeschriben statt die selben abentur gitt man der person die an dem zedel geschriben ist […]“ (Zitiert nach Rippmann 1990: 8).

In Gerold Edlichbachs Chronik von 1506 ist die Verlosungs-Zeremonie des Glückshafens von 1504 in einer farbigen Illustration dargestellt (Zürich, Zentralbibliothek Zürich, Ms A 77, fol. 344v). Die Abbildung entspricht in vielen Details der Beschreibung von Hektor Mülich eines 1470 in Augsburg veranstalteten Glückshafens. Dort fand die Ziehung auf einem Podest statt und wurde von zwei Ratsherren und geschworenen Schreibern beaufsichtigt. Zudem bliesen Trompeter auf, wenn ein Gewinn gezogen wurde (Rippmann 1990: 8; Chroniken 1892: 231). Auch das für die Veranstaltung in Zürich von 1472 geplante Vorgehen ist auf der Abbildung des Glückshafens von 1504 wiederzuerkennen: Ein auf einem Podium stehender Knabe streckt seine Hände je in ein großes Gefäß, vermutlich um Zettel daraus zu entnehmen.

Das Podium ist von unzähligen Personen umringt, die vermutlich auf einen Gewinn hoffen. Unter diesen könnte sich auch der noch jugendliche Ludwig Senfl befunden haben, dessen Hoffnung auf einen Geldpreis jedoch nicht erfüllt werden sollte. Unter den von Edlibach gelisteten Gewinnern des Glückshafens sucht man seinen Namen vergeblich (fol. 345r).

Chronik des Gerold Edlibach, Zürich, Zentralbibliothek Zürich, Ms A 77, fol. 344v
Abbildung 1: Chronik des Gerold Edlibach, Zürich, Zentralbibliothek Zürich, Ms A 77, fol. 344v (https://doi.org/10.7891/e-manuscripta-12645).

Literatur

Antoine-Elisée Cherbuliez, „Zur Kontroverse über die Herkunft von Ludwig Senfl“, Acta Musicologica 1933, S. 169–176.

Der Glückshafenrodel des Freischiessens von Zürich 1504, bearbeitet von Friedrich Hegi unter Mithilfe von E. Usteri und S. Zuber, 2 Bde., Zürich 1942.

Die Chroniken der schwäbischen Städte. Augsburg, Bd. 3, hg. durch die historische Commission bei der Königlichen Akademie der Wissenschaften, [München] 1892.

Carl Keller-Escher, „Der Glückshafen am grossen Schiessen im Jahre 1504 zu Zürich“, Zürcher Taschenbuch 1882, S. 219–235.

Dorothee Rippmann, Bauern und Städter: Stadt-Land-Beziehungen im 15. Jahrhundert. Das Beispiel Basel, unter besonderer Berücksichtigung der Nahmarktbeziehungen und der sozialen Verhältnisse im Umland, Basel / Frankfurt am Main 1990 (Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 159).

Leo Zehnder, Volkskundliches in der älteren schweizerischen Chronistik, Basel 1976 (Schriften der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde 60).

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